Verantwortung für jüdisches Leben im Kreis Euskirchen
Ein starker und sehr bewegender Abend im Casino Euskirchen: Anlass war die Vorstellung des Buches „Die Existenzvernichtung der jüdischen Bevölkerung im Kreis Euskirchen“. Das Buch gibt den verfolgten jüdischen Familien aus unserer Region ihre Namen und Geschichten zurück – und zeigt, wie ihnen mitten in unseren Städten und Gemeinden die Lebensgrundlagen und vielfach das Leben genommen wurden. Es macht auch deutlich, wie Behörden an dieser Ausplünderung beteiligt waren.

„Für mich ist klar: Jüdisches Leben gehört zu unserer Heimat und muss sicher sein. Antisemitismus braucht unseren Widerspruch – überall und jederzeit. Mein Dank gilt dem Geschichtsverein, der EUGEBAU sowie dem Autorenteam Dr. Gabriele Rünger, Hans-Gerd Dick und Manuel von Zelisch für diese wichtige und sorgfältige Arbeit. Ich wünsche dem Buch viele Leserinnen und Leser – und uns allen die Bereitschaft, aus dieser Geschichte Verantwortung für heute zu übernehmen“, so Klaus Voussem.
Hier meine Begrüßungsrede anlässlich der Buchvorstellung:
Liebe Mitglieder und Freunde des Geschichtsvereins,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der EUGEBAU,
sehr geehrte Damen und Herren,
mit dem heutigen Abend verbinden sich Dank und Verantwortung:
Dank für eine Forschungsarbeit, die den verfolgten jüdischen Menschen unserer Heimat ihre Namen und Lebensgeschichten zurückgibt.
Verantwortung dafür, uns dem Unrecht zu stellen, das ihnen mitten in unseren Städten und Gemeinden angetan wurde.
Dass Sie heute hier zusammenkommen, ist ein Zeichen dieser Verantwortung.
Ein besonderer Gruß gilt an dieser Stelle den Menschen, deren Arbeit diesen Abend möglich gemacht hat:
den Verantwortlichen des Geschichtsvereins und der EUGEBAU sowie Dr. Gabriele Rünger, Hans-Gerd Dick und Manuel von Zelisch.
Wir sind dankbar, dass diese Forschungsarbeit nun öffentlich zugänglich wird.
Ihr Gegenstand verlangt von uns Behutsamkeit.
Wir sprechen über Menschen, denen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft ihre Lebensgrundlagen und
schließlich vielfach ihr Leben genommen wurden.
Lassen Sie mich deshalb mit einer persönlichen Erinnerung beginnen,
die dem Buch vorangestellt ist.
Ein Kind schaut aus dem Fenster seines Elternhauses auf die Uhr der St.-Martins-Kirche. An dieser Uhr lernt es, die Zeit zu lesen.
Dieses Kind heißt Egon Fromm. Sein Elternhaus steht in der Baumstraße in Euskirchen. In seinem Vorwort zu dem Buch, das wir heute vorstellen, hat er diese Erinnerung festgehalten.
Es ist ein stilles Bild. Und gerade deshalb berührt es:
Ein Kind wächst auf, entdeckt seine Stadt und findet seinen Platz in ihr.
So beginnt Heimat.
1938 muss Egon Fromm mit seiner Familie Deutschland verlassen.
Er ist sieben Jahre alt.
Viele seiner Angehörigen werden später im Holocaust ermordet.
Diese Erinnerung lässt uns ahnen,
was hinter dem Wort Existenzvernichtung steht.
Menschen, die hier zu Hause waren,
wurden aus ihrer vertrauten Welt gedrängt.
Die Sicherheit ihres Alltags zerbrach.
Am Ende stand für viele die Ermordung.
„Die Existenzvernichtung der jüdischen Bevölkerung im Altkreis Euskirchen“:
Dieser Titel spricht mit einer Klarheit,
der wir uns stellen müssen.
Wer einem Menschen sein Geschäft nimmt,
nimmt ihm mehr als Einkommen.
Wer ihn aus seinem Haus drängt,
nimmt ihm mehr als ein Dach über dem Kopf.
Es werden Lebensleistungen zerstört,
Familien auseinandergerissen und
Zukunftsmöglichkeiten ausgelöscht.
Der Begriff „Arisierung“ verschleierte diesen Raub.
Er gab der Entrechtung einen Namen,
der sie als geordneten Vorgang erscheinen lassen sollte.
Gerade deshalb ist die genaue historische Untersuchung so wichtig.
Sie zeigt,
wie Verfolgung in den Alltag eindrang;
wie Behörden und andere Institutionen daran mitwirkten;
wie Menschen aus dem Unglück ihrer Nachbarn Nutzen zogen.
Hier wird eine Grundbedingung unseres demokratischen Rechtsstaats sichtbar:
Staatliche Macht braucht Grenzen und
Recht muss die Würde
jedes Menschen schützen.
Wo Verwaltung die Ausgrenzung organisiert,
kann die vermeintliche Ordnung
selbst zum Werkzeug des Unrechts werden.
Sehr geehrte Damen und Herren,
für uns in dieser Region
besitzt diese Geschichte eine besondere Nähe.
Wir lesen Ortsnamen, die uns vertraut sind.
Euskirchen, Zülpich, Kommern, Weilerswist.
Die Schauplätze gehören zu unserer Heimat.
Die Menschen, die dort verfolgt wurden, gehörten ebenso zu ihr.
Diese Zugehörigkeit müssen wir auch in unserer Erinnerung
ernst nehmen.
Jüdische Menschen haben unsere Region mit aufgebaut und
geprägt.
Ihre Geschichte umfasst ihre Arbeit, ihre Hoffnungen und
ihr Familienleben.
Sie darf nicht auf das Leid reduziert werden,
das andere ihnen angetan haben.
Der EUGEBAU gebührt deshalb besonderer Dank,
dass sie die Erforschung dieser Geschichte finanziert und
sich dabei auch der eigenen Unternehmensgeschichte stellt,
zeugt von Verantwortungsbewusstsein.
Bereits unter ihren Gründungsgesellschaftern war mit Moses Schweizer
ein jüdischer Euskirchener.
Dem Geschichtsverein und dem Autorenteam
danke ich für ihre beharrliche Arbeit.
Ebenso gilt mein Dank den Archiven und allen,
die dieses Projekt mit ihrem Wissen und ihrer Unterstützung
begleitet haben.
Mit dieser Forschung schaffen Sie die Grundlage dafür,
dass wir genauer hinsehen können.
Hinter den Akten werden Menschen wieder erkennbar.
Das verlangt wissenschaftliche Sorgfalt und
menschliche Anteilnahme.
Beides kommt in diesem Buch zusammen.
Sie ermöglichen damit ein Gespräch,
das unsere ganze Region angeht.
Unser heutiges Zusammentreffen ist ein wichtiger Teil davon.
Wie lange die Verletzung fortwirkte, schildert Egon Fromm ebenfalls:
Als er 1973 in Hellenthal nach dem Haus seines Großvaters fragte,
begegnete ihm noch immer die Vorstellung,
jüdisch und deutsch könnten nicht zusammengehören.
Auch deshalb reicht Erinnerung allein nicht aus.
Sie muss unser Urteil schärfen und unser Handeln bestimmen.
Die Überzeugung von der unveräußerlichen Würde jedes Menschen
ist für mich der Maßstab politischen Handelns.
Daraus folgt eine klare Verpflichtung:
Jüdische Menschen müssen in unserem Land sicher und
selbstverständlich leben können.
Antisemitismus verlangt unseren Widerspruch,
wo immer er auftritt.
Junge Menschen sollen erfahren,
wessen Geschichte sich mit den Straßen verbindet,
durch die sie heute gehen.
Am Anfang stand die Erinnerung eines Kindes an eine Kirchturmuhr.
Das Buch bewahrt solche Erinnerungen und macht sichtbar,
was diesen Menschen genommen wurde.
Es fordert uns auf,
ihre Zugehörigkeit zu unserer Heimat anzuerkennen und
zu bewahren.
Ich wünsche ihm viele aufmerksame Leserinnen und Leser.
Und: Ich wünsche uns die Bereitschaft,
das Gelesene an uns heranzulassen und
daraus Verantwortung zu übernehmen.
In diesem Sinne wünsche ich uns einen nachdenklichen Abend und
der Buchvorstellung die Aufmerksamkeit,
die sie verdient.
Herzlichen Dank.